Schicksale: D.I. Bogdanow
Wir beginnen eine neue Artikelserie mit dem Titel „Schicksale“: Sie handelt von Zeitzeugen der Blockade und basiert auf Erinnerungen und Tagebucheinträgen. Die Protagonisten der Reihe sind Lehrer, Ingenieure, Studenten, Ärzte und andere.
Dmitrij Iwanowitsch Bogdanow wurde 1900 in Petersburg geboren. Er arbeitete als Meister im „Bolschewik“-Werk: Dieser Betrieb produzierte während des Krieges Waffen und Geschütze, reparierte aber auch militärisches Gerät.
Bogdanow hinterließ wertvolle Erinnerungen an die Blockadezeit, die später von seiner Urenkelin Ljubow Roschtschupkina transkribiert und digitalisiert wurden. Im Jahr 2023 wurde sein Tagebuch als dreibändige Ausgabe mit dem Titel „Mein Glaube an das Leben wird siegen“ publiziert.
Den ersten Tagebucheintrag machte er am 22. Juni 1941: dem Tag, an dem der Große Vaterländische Krieg begann. Darauf folgte eine nahezu tägliche Chronik, welche die Situation in der Stadt ebenso wie die Stimmung der Menschen wiedergab. Mit dokumentarischer Genauigkeit hielt der Autor die Anzahl der Luftalarme, die Brotrationen und andere Fakten fest.
Bogdanow beschrieb den ersten Blockadewinter als besonders hart. Am 26. November 1941 machte er folgenden Eintrag:
Es gibt keine guten Neuigkeiten. In der Presse und überall wird gesagt, dass wir den Blockadering um Leningrad durchbrechen und uns aus der Belagerung befreien müssen. Ja! Das müssen wir jetzt tun, denn sonst wird es uns schlecht ergehen. Der Hunger – ich erwähne dieses Wort zum ersten Mal – macht sich bemerkbar, viele Leute schwellen wegen des Hungers an. Das sehen wir jetzt oft, denn wir selbst befinden uns auf demselben Weg. Es gibt nichts zu essen, das Brot reicht nicht …
Der Eintrag vom 19. Dezember 1941 beginnt mit den Worten:
„Es gibt einen König auf der Welt,
Dieser König ist unbarmherzig,
Hunger –
Das ist sein Name.“So schreibt der Dichter. Wie klar und richtig das ist, wird jetzt durch das Leben in unserem belagerten Leningrad bestätigt.
Die Leute sterben weiter in großer Zahl, die Stadt Leningrad wird zu einer sterbenden Stadt. Die Straßenbahn fährt nicht, Autos gibt es nur sehr wenige, wir haben keinen Strom, die Menschen sind wie Wilde. Auf den Straßen sieht man nur Fußgänger, die wie Fliegen von einem Ende der Stadt zum anderen zuckeln. Ich fahre mit dem Zug zum Betrieb, aber auch das ist anstrengend: Ich muss zum Mosk(auer) Bahnh(of) laufen und dann von Obuchowo wieder zu Fuß. Das ist freilich leichter,
inals den ganzen Weg zu Fuß zu gehen, doch es geht viel Zeit dafür drauf. Das Radio funktioniert nicht, nirgends kann man die Uhrzeit kontrollieren, es herrscht Frost von minus 30 Grad, wie gestern so auch heute, und es erwartet uns eine traurige Zukunft: Ob wir diese schreckliche Prüfung wohl überleben werden? Ständig will man essen, was an der Front passiert, wissen wir kaum, denn das Radio funktioniert nicht und die Zeitungen kommen zu spät, für Januar habe ich kein Zeitungsabo bekommen …
Am 19. Dezember 1942 verfasste Bogdanow einen Eintrag, in dem er die Lage mit dem Vorjahr vergleicht:
Vor einem Jahr waren meine Einträge sehr schwermütig: Zu dieser Zeit hungerten wir bereits und viele Menschen starben. Auch heute ist unsere Lage sehr schwierig, aber nicht so wie letztes Jahr zu dieser Zeit. Hungertode beobachten wir jetzt nicht mehr in diesem Ausmaß wie damals, und auch die Verpflegung ist jetzt besser. Ein Arbeiter bekommt 500 Gramm Brot, im letzten Jahr waren es 250 Gramm, und auch andere Lebensmittel bekommen wir mehr und ordentlicher. Generell ist dieser Winter momentan noch auszuhalten. Außerdem herrscht kein starker Frost, bis jetzt ist der Winter mild und angenehm für uns, und nicht zu kalt. Vom 11. bis zum 15.12. gab es sogar Tauwetter, sodass man die Übergänge über die Newa nicht benutzen konnte. Die Straßenbahn fährt ziemlich gut und in der Wohnung haben wir Strom. Generell scheint alles besser als im letzten Jahr, und es ist auch so, doch trotzdem hungern wir und wollen essen …
Bogdanows Tagebuch enthält viele gedankliche Analysen und persönliche Sorgen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war er allein in der Stadt zurückgeblieben, denn seine Familienmitglieder waren evakuiert worden.
Den Durchbruch der Blockade beschrieb Bogdanow folgendermaßen (Eintrag vom 20. Januar 1943):
Der gestrige 19.1.43 war für uns Leningrader ein Festtag, in den Straßen waren die Flaggen gehisst. Die Sache ist die, dass schon in der Nacht auf den 19. im Radio verkündet wurde, dass sich die Truppen der Wolchower Front mit denen der Leningr(ader) Front vereint haben und die Stadt Schlüsselburg sowie die St(ationen) Sinjawino, Dubrowka und Podgornoje besetzt haben. Damit wurde offiziell der Durchbruch der Blockade durch die deutschen Soldaten verkündet und vollzogen, die 17 Monate, also fast anderthalb Jahr, gedauert und Leningrad unzählige Nöte, Tote, Zerfall und Zerstörung beschert hatte, wie im materiellen, so auch im immateriellen und familiären Sinne …
Allerdings war die Lage in der Stadt auch weiterhin angespannt, der Artilleriebeschuss und die Luftangriffe hörten nicht auf.
Heute ist für uns Leningrader ein Freudentag. Um 19:45 Uhr wurde im Radio ein Befehl durchgegeben, dass die Blockade Leningrads vollständig aufgehoben ist, der Feind 60 bis 100 Kilometer von der Stadt zurückgedrängt wurde und man uns jetzt nicht mehr mit Artillerie beschießen würde. Das ist eine sehr große Freude, denn bisher konnte man sich seines Überlebens nie sicher sein: Jede Minute konnte ein dusseliges Geschoss deine Existenz beenden. Diese Furcht entfällt jetzt. Um 8 Uhr abends gab es bei uns erstmals einen Salut und ein Feuerwerk, was ich vom Dach der Werkhalle aus beobachtete. Man ließ bündelweise bunte Raketen aufsteigen, 20-30 Stück auf einmal, rote, grüne und weiße; die Scheinwerfer leuchteten und die Kanonen feuerten. Heute Morgen habe ich erfahren, dass gestern, am 26.1., Gattschina eingenommen wurde, aber dort steht wahrscheinlich kein Stein mehr auf dem anderen.
Bogdanow führte sein Tagebuch weiter und notierte bis zum 15. Mai 1945 Fakten aus seinem Leben sowie über die Lage in der Stadt und im Land. Er schrieb, dass ihm das „Notizbüchlein“ in den Momenten des Alleinseins, wenn er Trauer und schwere Sorgen empfand, eine Stütze war, er aber viel seltener Einträge machte, als sich das Leben normalisierte und wieder angenehmere Aufgaben und Mühen mit sich brachte.
Dmitrij Iwanowitsch Bogdanow wurde mit den Medaillen „Für die Verteidigung Leningrads“ und „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg. 1941-1945“ ausgezeichnet.
Auf Basis seiner Erinnerungen hat das Museum „Newskaja Sastawa“ eine Fußgänger-Challenge entwickelt, in deren Rahmen die Teilnehmer den Weg zurücklegen können, den Bogdanow 1942 von seinem Haus bis zum Betrieb zu Fuß laufen musste, da keine öffentlichen Verkehrsmittel fuhren. Die Strecke ist 15 Kilometer lang.
Quelle:
Tagebuch von Dmitri Iwanowitsch Bogdanow
– Band 1
– Band 2
– Band 3

