Uliza Bolschaja Konjuschennaja 11
191186 Sankt Petersburg,
Russland
ekultur@drb-ja.ru
+7 812 570 40 96

Schicksale: Galja Simnizkaja

Schicksale: Galja Simnizkaja

Heute setzen wir unsere Artikelserie „Schicksale“ über Zeitzeugen der Blockade fort: Sie beruht auf Memoiren und Tagebucheinträgen; ihre Protagonisten sind Lehrer, Ingenieure, Studenten, Ärzte und viele andere.

Galina Karlowna Simnizkaja wurde im August 1927 geboren. Zu Beginn des Krieges hatte sie gerade die sechste Klasse beendet.

Das Tagebuch, das die vierzehnjährige Galja im belagerten Leningrad führte, war sowohl emotional als auch hart – so wie die Wirklichkeit, welche die Jugendliche täglich umgab. Es behandelt Themen wie Freundschaft, Liebe, Verpflichtungen und moralische Entscheidungen. Neujahrs- und Geburtstagsfeiern sowie Kinobesuche gehen mit der harten und grausamen Realität der Blockadezeit einher, das bedeutet, mit täglichen Entbehrungen, Leid und Verlusten.

Galja schreibt ausführlich über ihr Leben und ihre Familie. Startpunkt ist der 22. Juni 1941, der Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Außerdem berichtet sie in ihren Einträgen, wie sich die Stadt auf den Kriegszustand vorbereitete.

11. Juli 1941

Heute haben wir die Fenster über Kreuz mit Papierstreifen abgeklebt. Ob das wirklich gegen die Druckwellen hilft? Im Hof wurden Balken und Platten aufgestapelt. Wir haben erfahren, dass auf dem Dach unseres Hauses ein Träger für ein Flugabwehr-MG gebaut werden soll …

6. August 1941

Es gibt häufiger Luftalarm. Die Stadt verändert ihr Antlitz. Die Schaufenster der Geschäfte und die Denkmäler wurden mit Sandsäcken ausgelegt. Mama und ich sind an einem freien Tag ins Zentrum gefahren, wir wollten Kleidung und Vorhänge zur Verdunkelung kaufen. Aber die Alarme haben uns alles verdorben: Wir sind nur von Schutzkeller zu Schutzkeller gerannt und haben uns in Hauseinfahrten versteckt. Auf den Straßen ist zwar alles ruhig, aber das Umherlaufen ist bei Alarm verboten …

15. Oktober 1941

Aus fast allen Fenstern ragen Rohre, die wie die von Samowaren aussehen. Anstelle der nun erkalteten Dampfheizungen oder der normalen Öfen, die viel Holz brauchen, heizt man jetzt mit „Kanonenöfen“. Das sind kleine Öfchen aus Metall. Sie brauchen weniger Holz und werden schneller warm (aber auch schneller wieder kalt). Auf dem „Kanonenofen“ kann man Wasser abkochen oder eine Suppe zubereiten. In unserem Haus haben sich fast alle vor dem Krieg mit Brennholz eingedeckt …

Ende Oktober schreibt Galja, dass sie und eine Freundin versucht haben, Arbeit in einem Lazarett zu finden. Aufgrund ihres Alters war dies allerdings nicht einfach. Schließlich stellte man sie als Schreiberinnen an, um den Verwundeten zu helfen. Nun ging Galja abends nach der Schule ins Lazarett.

Die nächste Arbeitsstelle der jungen Galja war das Brandschutzregiment des Komsomol, welches auch minderjährige Leningrader aufnahm. Dort unterwies man sie in Feuerbekämpfung und machte sie mit Brandschutzausrüstung vertraut. Während der Ausbildung gehörte es zu ihren Aufgaben, Wohnungen abzugehen, um den vom Hunger geschwächten Menschen oder Kindern ohne Versorgung zu helfen; außerdem unterstützten sie auf den Bahnhöfen die Leningrader vor dem Weg in die Evakuierung. Im Frühjahr 1942 halfen die Jugendlichen, die Stadt von Eis und Unrat zu befreien oder Erde für Gemüsebeete umzugraben.

Nach der Auslösung des Regiments im September 1942 wurde Galja an der Schule für Fabriks- und Werksausbildung der Mikojan-Fabrik aufgenommen. Sie berichtet ausführlich über die Arbeit in den Werkshallen sowie beim Bau von Objekten und der lokalen Luftverteidigung.

Am 18. Januar 1943, dem Tag des Durchbruchs der Blockade, verfasst Galja folgenden Eintrag:

Nachdem ich von meinem Posten abgelöst worden war, kam ich abends ins Stabsquartier. Die Mädels hatten irgendwo flüssigen, wasserfesten Lippenstift aufgetrieben und sich die Lippen bemalt. Ich stand auch nicht zurück. Doch während die Mädels sich nur ganz wenig bemalt hatten, hatte ich in meiner Ungeschicklichkeit den Pfropfen so stark befeuchtet und so fest aufgedrückt, dass man denken konnte, aus meinem Mund liefe Blut. Zuerst versuchte ich es abzuwaschen, doch dann gab ich es auf und legte mich schlafen. Plötzlich weckte mich Tante Dina: „Steh auf, meine ‚Hübsche‘! Die Blockade wurde durchbrochen!“ Ich sprang auf und wollte sie küssen, doch sie duckte sich lachend weg, damit ich sie nicht beschmiere. Alle rannten hinaus auf den Fabrikhof, um den Lautsprecher zu hören. Auch ich lief hin, wobei ich meinen Mund mit dem Schal bedeckte. Im Hof waren viele Leute zusammengekommen: die gesamte Nachtschicht und die Stabsangehörigen. Die Freude war so groß, dass viele weinten. Ich begriff zum ersten Mal, wie man vor Freude weinen kann …

Im August 1943 begann Galja darüber nachzudenken, ihre Ausbildung fortzusetzen. Sie ging an die Lehranstalt für Industriekunst, die Schüler mit 6.-Klasse-Abschluss aufnahm. Ab dem Beginn der Ausbildung schrieb Galja häufig darüber, wie ihre Tage in der Lehranstalt verliefen.

27. Januar 1944

Die mächtige Stimme Lewitans verkündete: „Nachricht des Sowjetischen Informationsbüros. Vollständige Befreiung Leningrads von der feindlichen Belagerung.“ Das ist sie, die lang erwartete und freudige Nachricht. Am Abend wird es ein Feuerwerk geben! Nein, ich kann nicht schreiben, ich weine vor Freude.

In der Nachkriegszeit fügte Galja einen Eintrag hinzu, in dem sie über sich und das Schicksal der Protagonisten ihres Tagebuchs berichtete. Ihre Ausbildung in der Lehranstalt für Kunst beendete sie nicht, sondern arbeitete als Maskenbildnerin in den Lenfilm-Studios. Später studierte sie am Polytechnischen Institut und wurde Ingenieur für Elektrotechnik. Trotz einiger Schwierigkeiten im Leben blieb Galja mit den Freunden ihrer Jugendzeit in Kontakt .

Auf Grundlage dieses Tagebuchs wurde in Sankt Petersburg ein Theaterstück namens „BlokAda“ entwickelt. Mehr über dieses und andere Stücke zum Thema Blockade erfahrt ihr in unserem Artikel. Das Tagebuch von Galja Simnizkaja ist in elektronischer Form auf der Website von „Proschito“ verfügbar.


Quellen:

Tagebuch von Galina Simnizkaja