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Blockadegeschichte im Fontanka-Haus

Blockadegeschichte im Fontanka-Haus

Bei einem Spaziergang entlang des Fontanka-Flusses sticht der elegante Scheremetjew-Palast sofort ins Auge: Er ist fast so alt wie Sankt Petersburg. Im Jahr 1712 schenkte Peter I. dieses Grundstück dem Grafen Boris Scheremetjew. Dessen Sohn ließ den Palast bauen. Unter den Grafen Scheremetjew war dies ein Treffpunkt für Adlige: Hierher kamen Musiker, Kulturschaffende und Wissenschaftler. Schon seit dem 18. Jahrhundert wurde das Gebäude aufgrund seiner Lage „Fontanka-Haus“ genannt.
Nach der Revolution von 1917 wurde der Palast verstaatlicht. In den 1930er Jahren wurde ein Teil des Gebäudes zu Wohnraum umfunktioniert: Hier befanden sich Gemeinschaftswohnungen. Im Südflügel wohnte der Kunstwissenschaftler Nikolai Punin. Außerdem hatte auch eine der bedeutendsten Dichterinnen des Silbernen Zeitalters hier ihr Zimmer: Anna Andrejewna Achmatowa.

Im Fontanka-Haus erlebten sie und die Familie Punin den Beginn der Blockade. Achmatowa trat sofort der Frauengruppe der Feuerwehr bei. Olga Bergholz erinnerte sich, dass Achmatowa „wie eine gewöhnliche Feuerwehrfrau“ Wachdienst schob und Sandsäcke nähte. Außerdem schrieb sie weiter Gedichte, die im Leningrader Rundfunk erklangen.
Ende September 1941 wurde Achmatowa nach Taschkent evakuiert. Dort trat sie in Lazaretten auf, dachte viel an ihre Heimatstadt und widmete ihr Gedichte. Im Jahr 1944 kehrte sie nach Leningrad zurück.
Im Vorwort zum „Poem ohne Held“, einem der zentralen Werke der Dichterin, schreibt sie folgende Zeilen:

Ich widme dieses Poem dem Gedenken seiner ersten Hörer – meiner Freunde und Mitbürger, die in Leningrad während der Belagerung umgekommen sind.
Ich höre ihre Stimmen und erinnere mich an sie immer dann, wenn ich das Poem laut vortrage, und dieser heimliche Chor wurde mir zur ständigen Rechtfertigung des Werks.

Taschkent, den 8. April 1943

Nikolai Punin erlebte mit seiner ersten Frau Anna Arens-Punina, der gemeinsamen Tochter Irina und der Enkeltochter den Blockadewinter 1941/42. Anna arbeitete als Ärztin. Im September 1941 fand auch Irina Arbeit in einer Erste-Hilfe-Station. Allerdings traf die Familie aufgrund des Gesundheitszustandes ihrer Mitglieder die Entscheidung, sich evakuieren zu lassen. Im Februar verließen sie Leningrad über die Straße des Lebens.

Heute wird die Erinnerung an die Blockade im Anna-Achmatowa-Gedenkmuseum sorgfältig bewahrt. Das Museum bietet spezielle Führungen zu dieser Thematik an und zeigt Gegenstände aus dieser Zeit.

Jedes Jahr am 8. September führt das Museum in seinem Garten die Aktion „Blockadeviertel“ durch. Wissenschaftler des Museums haben anhand von Archivdaten über tausend Namen von Bewohnern der umliegenden Häuser zusammengetragen, die während der Blockade ums Leben kamen. Museumsangestellte, Freiwillige und Einwohner der Stadt versammeln sich im Garten beim Achmatowa-Denkmal und lesen diese Namenslisten laut vor.


Quellen:

Video auf der Website der städtischen Erste-Hilfe-Station
Artikel über Anna Achmatowa auf der Website des W.-I.-Below-Zentrums