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Schicksale: Lena Muchina

Schicksale: Lena Muchina

Heute setzen wir unsere Artikelserie „Schicksale“ über Zeitzeugen der Blockade fort: Sie beruht auf Memoiren und Tagebucheinträgen; ihre Protagonisten sind Lehrer, Ingenieure, Studenten, Ärzte und viele andere.

Das Tagebuch der Schülerin Lena Muchina gelangte 1962 in das Leningrader Parteiarchiv (heute das Zentrale Staatsarchiv für historisch-politische Dokumente St. Petersburg).
Zum 70. Jahrestag des Blockadebeginns, also im Jahr 2011, wurde es unter dem Titel „Bewahre meine traurige Geschichte auf …“ veröffentlicht und nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland bekannt. Das Tagebuch wurde in zwölf Sprachen übersetzt.

Lena Muchina wurde 1924 in Ufa (Baschkirien) geboren, zog aber in den 30er Jahren nach Leningrad. Genau einen Monat vor dem Krieg begann sie ihr Tagebuch: am 22. Mai 1941. Es beginnt mit einem Bericht über eine Literaturprüfung in der Schule. Doch nicht nur darüber macht sich die junge Autorin Gedanken: Sie schreibt auch detailliert über ihre Gefühle für ihren Mitschüler Wowa.

Ich möchte in meinem Tagebuch über all meine Sorgen und überhaupt alles schreiben, so wie Petschorin. Denn sein Tagebuch ist sehr interessant zu lesen. Doch ich habe ein solches Verbrechen begangen … ich schreibe in Mamas Notizbuch, das könnte sie verärgern. Nun gut, irgendwie werde ich sie schon überreden, und bis dahin lege ich alles wieder an seinen Platz zurück.

In Leningrad wohnte Lena bei ihrer Tante, die sie im Tagebuch allerdings Mama nennt. Sie schreibt über die Schule, die Prüfungen und ihre Pläne für den Sommer. Lena wollte anfangen zu arbeiten, um sich alle notwendigen Dinge zu kaufen, und sich außerdem auf das neue Schuljahr vorbereiten. Der Text aus der Vorkriegszeit sieht aus wie ein typisches Tagebuch einer Jugendlichen: die erste Liebe, Sorgen um Zensuren, Gedanken an die Zukunft, …

Der Eintrag vom 22. Juni 1941 ist voll von Pathos und Aufregung. Lena gibt die Nachrichten wieder, die im Radio übertragen werden, berichtet über die Lage in der Stadt und geht in verschiedenen Brigaden arbeiten.

Am 8. September hatten sich Lena und ihre Tante gerade zum Essen hingesetzt, als plötzlich die Sirene erklang, sodass sie in den Luftschutzkeller hinuntergehen mussten. Nach dem Ende des Alarms ging Lena nach draußen:

Schon bald wurde Entwarnung gegeben. Ich sauste nach draußen. Als ich in den Hof lief, bemerkte ich, dass es dort ganz dämmrig war. Alle schauten nach oben, ich schaute auch und erschauderte. Zusammengeballte Rauchschwaden schlängelten sich wie eine Gewitterwolke über den Himmel. Unheil verkündend und drohend boten sie ein majestätisches Bild, ähnlich einem Vulkanausbruch. So etwas hatte ich noch nie gesehen …

Aus dem Tagebuch kann man auch Details des Alltagslebens erfahren:

Ich gehe jetzt immer in den Luftschutzkeller. Ich ziehe Winterkleidung und Galoschen und nehme mein kleines Köfferchen mit. Von ihm werde ich mich jetzt bis zum Kriegsende nicht mehr trennen. Darin liegen ein leeres Heft, Wowas Porträt, Geld, zwei Taschentücher, eine Flasche Tee, Brot und dieses Tagebuch. Auf den Kofferdeckel und die Innenseite habe ich meine Adresse und meine Telefonnummer geschrieben. Wenn mir etwas zustößt, kann man zu Hause Bescheid geben.

Im Oktober begann Lena eine Arbeit als Sanitäterin, doch schon im November kehrte sie zum Schulunterricht zurück. Aus dem Tagebuch erfahren wir, wie der Unterricht vonstatten ging, wie der Tagesablauf aussah, was in der Schule gelehrt wurde und wie die Schüler verpflegt wurden. Das Mädchen ging bis zu den Winterferien in die Schule Nr. 30.

Am 21. November 1941 feierte Lena ihren 17. Geburtstag. Sie schrieb Folgendes über die Situation in der Stadt an diesem Tag:

Die Lage in unserer Stadt ist weiterhin sehr angespannt. Man bombardiert uns aus Flugzeugen, beschießt uns mit Geschützen, doch das ist nicht weiter schlimm; wir haben uns daran schon so gewöhnt, dass wir uns über uns selbst wundern. Doch dass sich unsere Lebensmittelversorgung mit jedem Tag verschlechtert, das ist entsetzlich. Wir haben nicht genug Brot.

Lena erinnert sich, wie ihr Geburtstag früher gefeiert wurde:

Nein, den 21. November 1941 werde ich nie vergessen. Mein ganzes Leben lang werde ich mich an diesen Tag erinnern. Am 21. November 1942 (falls ich dann noch am Leben bin) werde ich mir eine riesige Scheibe Schwarzbrot abschneiden, sie dick mit Butter bestreichen und mich erinnern, wie dieser Tag im Jahr davor, im Jahr 1941 war, und diese dicke Scheibe Brot mit Butter wird für mich köstlicher als alle Delikatessen sein, leckerer als alle Kuchen und Torten zusammen. Mein Gott, mit welchem Vergnügen werde ich von diesem Brot abbeißen und kauen: Brot, richtiges Brot.

Lenas Tagebuch ist sehr emotional. Trotz der schwierigen Gegenwart träumt sie viel und beschreibt häufig die Zukunft, die sie gern erleben würde.

Die Wintermonate sind in ihrer Erinnerung die schwersten, geprägt von Kälte, dem Fehlen von Strom, Wasser und Heizung sowie dem Stillstand der öffentlichen Verkehrsmittel. Dazu kamen der Hunger und die Beschreibung der Tagesration.
Jeden Tag ist Lena von neuen Emotionen erfüllt: Einmal schreibt sie über ihre Hoffnungen auf die Zukunft und glaubt daran, dass die Not bald ein Ende hat; am nächsten Tag jedoch spricht sie von Müdigkeit und Kraftlosigkeit.

Anfang Februar stirbt Lenas Pflegemutter. Das Mädchen war nun allein, ohne Verwandte in der Stadt. Sie schreibt über ihren Wunsch, nach Gorki (heute Nischni Nowgorod) zu einer anderen Tante zu gehen. Dieser Traum und der beginnende Frühling heben Lenas Laune.

Und sie beginnt wieder zu träumen: zum Beispiel davon, wie sie nach dem Krieg in ihrem Zimmer eine kleine „Naturecke“ einrichten wird – mit Fischen, Vögeln, einem Terrarium für Mäuse und Platz für Zimmerpflanzen. Sie schreibt, dass sie Zoologin werden möchte und an Expeditionen in verschiedene Landesteile teilnehmen möchte.

In ihrem Tagebuch beschreibt Lena ausführlich, wie die Evakuierung aus der Stadt organisiert war. Anfang April versuchte sie, sich anzumelden, doch die Warteliste war zu lang. Danach wurde die Anmeldung vorübergehend ausgesetzt, da man warten musste, bis der Ladoga eisfrei war. Erst Anfang Juni 1942 gelang es ihr, sich evakuieren zu lassen.
Die Wartezeit war nicht leicht. Lena schrieb darüber, wie sie es schaffte, die Stadt zu verlassen. Sie liebte Leningrad, hatte dort aber zu viele Nöte und Entbehrungen ertragen müssen.
Sie dachte viel über die Zukunft nach: Einerseits wollte sie diese nach ihrem eigenen Ermessen gestalten, andererseits schrieb sie, dass sie sich mit ihren 17 Jahren noch nicht erwachsen genug fühlte und nicht ohne nahe Angehörige in der Stadt bleiben wollte.

Ab Anfang April spricht Lena immer öfter von sich in der dritten Person: Sie entschließt sich, ihr Tagebuch ab dem 1. Mai nur noch in dieser Form zu führen:

Ich habe beschlossen, mein Tagebuch in einer neuen Form weiterzuführen: in der dritten Person. In Form einer Erzählung. Ein solches Tagebuch kann gelesen werden wie ein Buch.

Als Lena die Nachricht erhielt, dass ihre Evakuierung auf den 26./27. Mai angesetzt war, reagierte sie mit Gleichgültigkeit. Diesen Eintrag machte sie wiederum als Ich-Erzählerin. Sie schrieb, dass sie trotz ihres jungen Alters einen melancholischen, gleichgültigen Blick bekommen habe. Damit endet das Tagebuch.

Lena Muchina ging tatsächlich nach Gorki, wo sie eine Lehre zur Müllerin machte. Im Herbst 1945 kehrte sie nach Leningrad zurück und schrieb sich an der Fachschule für Industriekunst für eine Ausbildung zur Mosaiklegerin ein. Anschließend arbeitete sie in einer Fabrik. Nachdem sie in verschiedenen Städten gelebt hatte, zog sie 1952 schließlich nach Moskau.

Die Veröffentlichung des Tagebuchs und die Rekonstruktion der Geschichte des Mädchen Lena Muchina sind das Ergebnis akribischer Forschungen eines ganzen Teams von Historikern, denn anfangs verfügten diese lediglich über ein Heftchen mit dunkelbraunem Umschlag, das irgendwie ins Archiv geraten war. Heute ist dies jedoch ein wichtiges Dokument über jene Epoche, das seinem Leser wenig bekannte Fakten über den Alltag im belagerten Leningrad verrät.


Quellen:

„Bewahre meine traurige Geschichte auf. Das Blockadetagebuch der Lena Muchina.“ Verlagsgruppe „Asbuka-Attikus“ GmbH 2023
Artikel auf der Website der St. Petersburger Archivs
Lena Muchinas Tagebuch auf der Website des Projekts „Proschito“